Der lange Weg zur Gleichberechtigung

Evangelische Theologinnen feierten mit der Reutlinger Gemeinde 50 Jahre Frauenordination
Mit einem Festgottesdienst in der Reutlinger Marienkirche gedachten Theologinnen aus dem gesamten Kirchenbezirk der Einführung der Frauenordination in der Evangelischen Landeskirche in Württemberg vor 50 Jahren.
Pfarrerin Ulrike Kuhlmann erinnerte im ersten Teil des Gottesdienstes daran, dass bereits 1958 in den Landeskirchen Pfalz, Anhalt und Lübeck Frauen für das Pfarramt zugelassen wurden. In Württemberg hingegen konnten Theologinnen Ende der 50er Jahren nur als Pfarrhelferinnen in der Mädchen- oder Frauenarbeit ihren Dienst tun. Männern hatten sie nicht zu predigen und durften ihnen auch kein Abendmahl austeilen. Nur mit einer Ausnahmegenehmigung des Dekans, so Kuhlmann zum lokalen Geschehen, konnte eine der ersten Theologinnen in Reutlingen, Magdalene Nübel, die Wochenschlussandacht in der Marienkirche halten, an der stets der auch ein paar Männer teilnahmen. Erst im November 1968 fasste die Landessynode den Beschluss, Frauen im Pfarramt zuzulassen, 1970 wurden die ersten Theologinnen ordiniert.
Zu dritt gestalteten Melanie Scheede, Katrin Zürn-Steffens und Katharina Dolmetsch-Heyduck im Jubiläumsgottesdienst die Predigt. Ihr lag ein Text aus dem Markusevangelium (Kapitel 14) zugrunde, in dem erzählt wird, wie eine Frau, deren Name nicht überliefert ist, Jesus mit kostbarem Nardenöl salbt. Die drei Pfarrerinnen wechselten Argumente und Gegenargumente zu der Frage, ob dieser Text die heutige Bedeutung der Frau in der Kirche stützen kann. Da die Frau im Evangelium kein einziges Wort spricht, würde sie doch eher die traditionelle Rolle der schweigenden Frau festigen, war eines der Argumente. Ein anderes hielt dem entgegen: Die Frau handle in doppelter Weise prophetisch. Zum einen, weil sie den Tod Jesu kommen sehe und durch die vorweggenommene Totensalbung darauf hinweise. Diese Salbung auf den Tod hin wird im weiteren Text durch ein Jesuswort bestätigt. Zum anderen könne diese Salbung auch als Hinweis auf den Messias, den neuen König, verstanden werden. Die prophetische Weitsicht, so die Auslegung, verbinde sie mit jenen Frauen, die in den Kriegs- und Nachkriegsjahren ihren Dienst als Theologinnen im Blick auf die Zukunft der Kirche angetreten haben.
Der lange Weg, bis Theologinnen gleichberechtigt als Pfarrerinnen neben ihren männlichen Kollegen amtieren konnten, wurde auch im Empfang nach dem Gottesdienst in verschiedenen Grußworten thematisiert. Reutlingens Oberbürgermeisterin Barbara Bosch erinnerte daran, dass vor knapp 100 Jahren in Deutschland das Wahlrecht für Frauen eingeführt wurde. In der verfassungsgebenden Versammlung der Weimarer Republik betrug der Frauenanteil 8,7 Prozent. „Wissen sie, wie hoch der Frauenanteil im Jahr 2018 im Bürgermeisteramt in Baden-Württemberg ist?“, fragte sie rhetorisch, um sogleich die Antwort nachzuschieben: 7,5 Prozent. Es habe sich also in den vergangenen 100 Jahren auch im staatlichen Bereich nicht so viel bewegt. Frauen in politischen Führungsämtern seien immer noch die Ausnahme, konstatierte Barbara Bosch. Weitere Grußworte kamen von der ersten Prälatin in Württemberg, Dorothea Margenfeld, Dr. Iwona Baraniec, bis vor kurzem Mitarbeiterin beim Dienst für Mission und Ökumene in Reutlingen, und von Oberstudienrätin Christine Jerabek.