Gedenkstunde zum 80. Jahrestag der Reichspogromnacht

Erinnern als Aufgabe der Gegenwartswahrnehmung
Nicht um Asche aufs Haupt zu streuen, nicht um an alte Schuld zu erinnern, sei man zum Gedenken versammelt, sondern um auf die Gefahren der Gegenwart zu schauen. Das war die Kernaussage von Alexander Lerner von der jüdischen Gemeinde bei der Gedenkstunde zur Reichspogromnacht in der Reutlinger Marienkirche. Auch die anderen Redner betonten die Bedeutung des Erinnerns als Aufgabe der Wachsamkeit in der Gegenwart.

In Deutschland wurden in der jüngeren Kriminalstatistik rund 1500 judenfeindliche Delikte verzeichnet – von Farbschmierereien über Grabschändungen bis hin zum Angriff auf ein jüdisches Restaurant in Chemnitz in diesem Jahr.  »Zu viele der heute in Deutschland lebenden Juden fühlen sich nicht mehr sicher«, sagte Lerner. Umso dankbarer sei er, dass sich so viele Menschen Jahr um Jahr in Reutlingen versammelten, um ein Zeichen zu setzen.
»Antisemitismus wird oft der Vergangenheit zugerechnet, ist aber gegenwärtig«, sagte auch Schulleiter Horst Kern von der Theodor-Heuss-Schule, wo die diesjährige Gedenkstunde vorbereitet wurde. Nicht nur die statistisch erfassten antisemitischen Delikte, auch der Hass im Internet breite sich aus. Kern mahnte zur Wachsamkeit. Er teile die Auffassung von Herbert Grönemeyer, die dieser bei der »Unteilbar«-Demonstration in Berlin geäußert habe: »Wir haben uns unsere Freiheit über Jahre sorgsam gemeinsam erarbeitet. Sie ist nicht selbstverständlich oder in Stein gemeißelt.«
Die Pogrome vom 9. November 1938 seien keine spontane Entladung des Volkszorns gewesen, sondern durch eine »Milieu-Vergiftung« vorbereitet worden. Daran erinnerte Studiendirektor i.R. Gregor Mundt, der an der Theodor-Heuss-Schule die Vorbereitungen geleitet hat. Er wies außerdem auf Aleida Assmann hin, die diesjährige Friedenspreisträgerin des Deutschen Buchhandels. Sie war am Vormittag bei einer nichtöffentlichen Veranstaltung der katholischen und evangelischen Dekanate im Landkreis Reutlingen, um ihre Thesen zur Notwendigkeit einer Erinnerungskultur zu erläutern.
Gregor Mundt hatte zur der Gedenkstunde eine der – durch den Fortgang der Zeit bedingt raren – Zeitzeuginnen eingeladen: Ruth Michel, Jahrgang 1928. Sie erzählte sachlich und eindrücklich zugleich von ihren Erlebnissen in einem damals polnischen Ort an der Grenze zur Ukraine und zu Rumänien, wohin ihre Familie im Mai 1935 aus Königsberg geflohen war.
In dem Ort, an dem Menschen aus verschiedenen Völkern zusammenlebten,  konnten die Familie bis zum deutschen Überfall auf die Sowjetunion in Frieden leben. Im Sommer 1941 begann dann aber die Gestapo, Rassenhass zu schüren und junge ukrainische Männer anzuwerben, um die Juden im Ort zu schikanieren. Wenige Monate später wurden die Juden aus dem Ort gefangen genommen und nach drei Tagen am offenen Grab erschossen. 205 Menschen kamen in dieses Massengrab. »Weil ich überlebt habe, sehe ich mich verpflichtet, den Ermordeten eine Stimme zu geben«, sagt Ruth Michel zu ihrem Engagement.
Vor dem Hintergrund dieser Schilderungen und der von Mundt angesprochenen Milieu-Vergiftung verloren die kurzen Texte aus den Umlaufbüchern der damaligen „Höheren Handelsschule“ Reutlingen die Banalität einfacher Verhaltensanweisungen. Schülerinnen und Schüler der Theodor-Heuss-Schule lasen, was die damalige Schulleitung zu bestimmten Anlässen über Uniformpflicht und den »deutschen Gruß« verfügt hatte. Ergänzt wurde dies durch Passagen aus Gesetzen und Verordnungen, die jüdische Bürgern Schritt für Schritt die Existenzgrundlage wegnahmen, zum Beispiel durch Verbote, ihren Beruf oder ein bestimmtes Gewerbe auszuüben.
Ziel der Nationalsozialisten war nicht nur die Vernichtung jüdischer Menschen, erinnerte Gregor Mundt, sondern auch die Auslöschung der jüdischen Kultur. Deshalb setze der Schulchor mit dem Vortrag jiddischer Lieder einen deutlichen Akzent.
Im Anschluss an das Gedenken in der Marienkirche zogen die Teilnehmenden mit Kerzen und Blumen zur Gedenktafel für die ermordeten jüdischen Bürger am Garten des Heimatmuseums, wo Joseph Rothschild von der jüdischen Gemeinde zwei Gebete zum Totengedenken sprach.

Jürgen Simon