„Die lila Matrize, bitte …“

Liebe Leserin, lieber Leser,
längst haben die meisten Zahnarztbesuche ihren Schrecken verloren. Ein winziger Piecks von geschulter Hand, die Betäubung wirkt und man liegt tief entspannt im Stuhl, während der Herr Doktor sich ans renovierende Werk macht. Man hat  sogar Muße zu lauschen: „Die lila Matrize, bitte!“
Ich stutze. Nun ist meine Füllung völlig undramatisch und für den Profi ein Klacks. Dass er sich trotzdem Zeit nimmt für dieses kleine Wörtchen, nimmt mich wunder. Ich höre es gern. Ich vermisse es auch dann und wann. Manchmal tut es mir fast körperlich weh, wenn es so gar nicht gesagt wird.
Letztens beim Bäcker. Gut, es war samstagfrüh und die Kundin noch nicht im Vollbesitz ihres Wachzustandes. Ein „Bitte!“ geht ihr nicht über die Lippen. Die Ansage ist ansonsten präzise, die Fachverkäuferin tütet verkaufslustig ein. Sie will ja verkaufen und es ist ich Job – so deute ich das fehlende „Bitte!“. Und natürlich stimmt das.
Für mich ändert sich alles, nun gut: zumindest vieles, durch dieses „Bitte!“ Nicht nur, dass ich es als ein Gebot der Höflichkeit betrachte – da bin ich ziemlich old-fashioned –, ich erinnere mich dadurch, dass alles nicht selbstverständlich und ich immer ein beschenkter Mensch bin.
Natürlich habe ich Anrecht auf eine korrekte Behandlung bei der Behörde, Recht auf gute Bedienung, Anspruch auf gute ärztliche Versorgung – aber dann ist da eine, die das leistet, einer, der das tut! Und den bitte ich um das, was mir zusteht. Mir tut das gut und ihr vielleicht auch. Und ich denke an meinen Gott, der das „Bitte!“ auch gern hört. Er schenkt und gibt auch so. So großzügig und menschenfreundlich ist er! Aber gebeten gibt es sich selbst für einen Gott besser. „Bittet, so wird euch gegeben!“, hat er mal durch seinen Sohn ausrichten lassen. Ich habe das immer mit dem Tonfall des pädagogisierenden Vaters gehört: „Sag schön: Bitte!“ Dabei geht es um viel mehr, eigentlich um alles, nämlich meine Haltung Gott und dem Leben gegenüber.
Und, Herr Doktor: Betäuben Sie doch auch nächstes Mal wieder so geschickt – bitte! Man kann dann auf Ihrem Stuhl so geschickt seinen Gedanken nachhängen – beispielsweise, was es mit der Farbe der Matrize auf sich hat …

Alexander Behrend, 56, ist Pfarrer in der Evangelischen Kirchengemeinde Gönningen