Sommer! Und Märchen...!?

Hab‘ ich nicht neulich erst „Auf ein Wort“ zum Jahreswechsel geschrieben? Und schon – zack! – ist fast die Hälfte von 2018 um: der Sommer beginnt und in Russland rennen „Jogis Jungs“ dem WM-Ball hinterher.
Für viele Fußballfans ein Dilemma: Die WM in Putins Russland? Soll … kann … darf kann man da überhaupt zuschauen? Und gar noch zum „public viewing“ einladen? Ist das tatsächlich „bloß Fußball“?
Wer heute über die WM 2006 redet, muss überlegen, was er meint, wenn er „Sommer-Märchen“ sagt: Das unerwartete Abschneiden der National-11? Oder die Mär, die WM sei wegen der überzeugenden Bewerbung hierher vergeben worden?
Wie so oft: Wo das sog. „große Geld“ und in dessen Folge dann „die Politik“ sich einer faszinierenden Sache bemächtigt, stehen Fans und Idealisten bald in einem Zwiespalt, der in der Regel nicht aufzulösen ist.
Und, ja: Natürlich ist auch der Sport politisch, ist Sport auch politisch. Zugleich ist Fußball für mich ein Spiel, das ich von klein auf begeistert gespielt und geschaut habe, das ich mir nicht nehmen lassen will.
Sie mögen es inkonsequent finden: Wir werden wieder zum Fußballgucken ins Gemeindezentrum einladen. Zugleich werde ich mich ärgern, falls aus unserem Land führende Politiker sich dort einen Auftritt gönnen und damit Herrn Putin ermöglichen, die WM zu instrumentalisieren.
Neulich hat jemand verlangt, „dann müsst Ihr aber auch was Kritisches machen“. Das müsste jemand übernehmen, der selber kritischer ist, als ich es bin. Ich bin ein Fußballfan, bei dem (so habe ich neulich gelesen) „Kopf und Herz einen dreckigen Zweikampf führen“.
Aber ich freue mich trotz dieses Zweikampfs – das Herz liegt 1:0 vorne -, wenn ich anlässlich der Spiele Leute treffe, die ich lange nicht gesehen habe, wir in Gespräche kommen und im Miteinander erleben, dass Fußball verbindet.
1974 haben die späteren Weltmeister gesungen: „Fußball ist unser Leben“ – sie haben dann besser gekickt. Und Glück gehabt. Nein, Fußball ist nicht unser Leben – Leben ist weit mehr. Viel von diesem „mehr“ erlebe ich, wenn Jung und Alt sich treffen, um miteinander zu gucken und möglichst zu jubeln.
Oft ist es im Leben wie jetzt mit der WM – nämlich ein Märchen, wir könnten alles moralisch richtig, politisch korrekt machen.  Und es scheint schwer, dass Kritiker über solchen Fragen nicht rechthaberisch werden. Stimmt nicht doch auch, was Toni Kroos neulich gesagt hat: „Es ist nur Fußball“? Oder ist das noch ein Märchen?
Es gibt nicht die eine Lösung – aber ich hoffe, dass Sie den Sommer trotzdem genießen können. Und bald die zweite Hälfte von 2018!

Stephan Sigloch (54) ist Pfarrer in der evangelischen Kreuzkirchengemeinde in Reutlingen