»Um der Schwächsten willen«

„Es ist höchste Zeit, dem auf falscher Fährte befindlichen Zeitgeist eine andere Richtung zu geben … und durch Rückbesinnung auf den christlichen Glauben gesellschaftliche Gegensätze zu überwinden und die herrschenden Not- und Mißstände zu beseitigen“. Zugegeben, keine Twitterlänge. Aber allemal nachdenkliche Worte. Sie stammen von Friedrich Wilhelm Raiffeisen, dessen 200. Geburtstag wir dieses Jahr feiern. Wie will Raiffeisen Not überwinden? „Durch christliche Nächstenliebe, die in der Gottesliebe und der Christenpflicht wurzelt: Was ihr getan habt einem dieser meiner geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan.“ Auf diesem Jesuswort (Mt 25) gründen die Darlehenskassenvereine à la Raiffeisen.
Das mutet an wie aus der Zeit gefallen. Gleichsam eine Utopie. Aber sie hat – allen Unkenrufen zum Trotz – in unseren Dörfern und Städten Platz gefunden. Anders als damals, gewiss. Aber immerhin. Die Anfänge liegen 200 Jahren zurück. Am 30. März 1818 wurde Raiffeisen als siebtes von neun Kindern geboren. Es war die Zeit Gustav Werners. Und wie alle Zeiten war sie schwierig und turbulent: Die einen ziemlich reich, die andern bettelarm. Raiffeisen genoss keine hohe Bildung. Seine Mutter erzog ihn zu einer lebenspraktischen Frömmigkeit. Die nahm er sich zu Herzen. Als junger „Schultes“ in Weyerbusch bestellte er im Hungerwinter 1846/47 Korn für die Armen seiner Gemeinde. Sie konnten es nicht zahlen. Deshalb gründete Raiffeisen einen genossenschaftlichen „Brodverein“ und gab Korn auf Kredit aus. Als Bürgermeister in Flammersfeld gründete er den nächsten Verein, um arme Bauern vor Wucherkrediten zu schützen. Als Bürgermeister in Heddesdorf gründete Raiffeisen erneut einen Verein, um verwahrlosten Kindern und entlassenen Häftlingen beizustehen. 1864 schließlich hob er den ersten „Darlehnskassenverein“ aus der Taufe. Daraus sind die Raiffe-isenbanken entstanden. Bei allem Gründer- und Pioniergeist hielt er sich an Jesu Worte, wie etwa die Bergpredigt: „Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und seiner Gerechtigkeit.“ (Mt 6).
Es braucht Menschen wie Raiffeisen. Mehr denn je: »Was einer nicht schafft, das schaffen viele«. Das war Raiffeisens Motto. Um der Schwächsten willen. Allen Bedenken zum Trotz. Bis auf den heutigen Tag.

Dr. Christian Rose, evangelischer Prälat in Reutlingen