Warum habt ihr Angst?

Pfarrerin Sabine Großhennig

„Warum habt ihr Angst?“ So lautete vor einigen Jahren das Thema des ökumenischen Gottesdienstes am Buß- und Bettag. Was für eine Frage, dachte ich. Es gibt doch wahrhaftig genug Dinge im Leben, vor denen man mit Recht Angst haben kann. Die Ereignisse, die uns die Nachrichten quasi ins Haus bringen, erinnern Tag für Tag daran, wie verletzlich und gefährdet unser Leben ist. Und dann sind da die schlechten Nachrichten, die einen persönlich treffen können: vom Tod eines geliebten Menschen, von eigener Krankheit oder von der Gefährdung des Arbeitsplatzes. Ach, es gibt wirklich genug Dinge im Leben, die einem Angst machen können. Am liebsten würde ich gar nicht darüber nachdenken. Aber genau darum geht es bei diesem Gottesdienst, den wir in der kommenden Woche in vielen evangelischen Kirchen feiern. Der Buß- und Bettag ist nicht nur dazu da, zur Buße aufzurufen. Es geht auch darum, das was Menschen bedrückt anzusprechen, es auszusprechen und im Gebet vor Gott zu bringen. Es geht auch darum, mir selbst einzugestehen, dass ich nicht immer stark und tüchtig und mutig sein kann und muss. Und dass ich das, was mir Angst macht, anderen Menschen und vor allem Gott anvertrauen kann.
Warum habt ihr Angst? Diese Frage ist auch ein Zitat aus einer biblischen Geschichte. Jesus fragt so seine Jünger in einer Situation, die ihnen große Angst gemacht hat. Auf dem See sind sie mit ihrem Boot in einen Sturm geraten. Und als die Wellen immer höherschlagen, schlägt auch die Angst über ihnen zusammen. Sie wissen nicht mehr ein noch aus und können nur noch um Hilfe schreien. Und Jesus hilft ihnen. „Warum habt ihr Angst?“, fragt er und bedroht den Wind und die Wellen, so dass sie ganz still werden und mit ihnen die Menschen, die gerade noch so laut geschrien haben. Immer wieder haben die ersten Christen einander diese Geschichte erzählt und sie schließlich aufgeschrieben. Denn sie haben sich darin mit ihren Erfahrungen wiedergefunden. Mit den Ängsten ihres Lebens in einer Zeit, in der es gefährlich war Christ zu sein und mit ihrer Erfahrung, dass Gott ihnen geholfen hat in ihrer Angst und aus ihr heraus. Und das ist auch meine Erfahrung. Nicht dass Gott mir im Leben alle Angst ersparen würde. Aber dass ich ihm anvertrauen kann was mir Angst macht, dass ich weiß, mit meinen Hilferufen bin ich bei Gott an der richtigen Adresse und dass ich die Erfahrung mache: Gottes Kraft ist stärker und größer als meine Angst. Diese Erfahrung wünsche ich Ihnen auch.

Pfarrerin Sabine Großhennig